Paul Mattick, Rätekorrespondenz, Heft 12, September 1935

 

DIE GEGENSÄTZE ZWISCHEN LUXEMBURG UND LENIN

 

Rosa Luxemburg und Lenin sind aus der Sozialdemokratie hervorgegangen. Beide spielten in ihr eine bedeutende Rolle; ihre Arbeit beeinflußte nicht nur die russische, polnische und deutsche Arbeiterbewegung, sie war von internationaler Bedeutung. In beiden symbolisierte sich die Oppositionsbewegung zum Revisionismus der Zweiten Internationale. Was beide verband, war der gemeinsame Kampf gegen den Reformismus der Vorkriegszeit und den Chauvinismus der Sozialdemokratie während des Krieges. Aber dieser Kampf war zugleich begleitet von der Auseinandersetzung zwischen Luxemburg und Lenin um den Weg der Revolution, und da sich die Taktik nicht vom Prinzip trennen läßt, letzten Endes ebenfalls eine prinzipielle Auseinandersetzung um Inhalt und Form der neuen Arbeiterbewegung, der Revolution und der Diktatur des Proletariats.

Ist es auch bekannt, daß Luxemburg und Lenin Todfeinde des Revisionismus waren, so ist es heute doch äußerst schwierig, sich ein wirkliches Bild der Differenzen zwischen beiden zu machen. Wohl hat im Verlauf des letzten Jahrzehnts die Dritte Internationale in Verbindung mit ihren inneren politischen Krisen oft Rosa Luxemburgs Namen gebraucht und mißbraucht; speziell in den Kampagnen gegen den „konterrevolutionären Luxemburgismus“, aber weder ist dadurch das Werk Luxemburgs bekannter geworden, noch wurden die Differenzen, die sie mit Lenin hatte, wirklich bloßgelegt. Allgemein hält man es für besser, die Vergangenheit begraben zu lassen und wie einst die deutsche Sozialdemokratie die Publizierung der Arbeiten Rosa Luxemburgs „aus Geldmangel“ verweigerte, so hat auch die Dritte Internationale das durch Clara Zetkin gegebene Versprechen, ihr Werk zu verbreiten, gebrochen. Wo immer sich jedoch der Dritten Internationale die Konkurrenz entgegensetzt, da liebt man es, sich auf Rosa Luxemburg zu beziehen. Sogar die Sozialdemokratie ist oft geschmacklos genug, mit Liebe und Wehmut von der „irrenden“ Revolutionärin zu sprechen, die mehr als ein Opfer ihres „heißen Temperaments“ als das der viehischen Brutalität der Landsknechte des Parteigenossen Noske bedauert wird. Und selbst dort, z. B. bei der von Trotzki beeinflußten Bewegung, wo man nach den Erfahrungen mit beiden Internationalen sich angeblich bemüht, nicht nur eine wirklich revolutionäre Bewegung aufzubauen, sondern auch gleichzeitig die Lehren der Vergangenheit verwerten will, da reicht die Beschäftigung mit Luxemburg und Lenin auch nicht zu mehr, als der Reduzierung ihrer Gegensätze auf den Streit um die internationale Frage und hier noch speziell fast ausschließlich auf die, die polnische Unabhängigkeit berührenden, taktischen Probleme. Dabei bemüht man  sich noch, diesem Gegensatz seine Schärfe zu nehmen, ihn zu isolieren und mit der, allen Tatsachen entgegengesetzten Behauptung abzuschließen, daß Lenin aus diesem Streit als Sieger hervorging.

Der Streit zwischen Luxemburg und Lenin über die nationale Frage kann nicht von den anderen Problemen, die beide trennten, herausgelöst werden. Diese Frage ist mit allen anderen der Weltrevolution aufs engste verknüpft, und sie ist nur eine der Illustrationen des grundsätzlichen Unterschiedes zwischen Luxemburg und Lenin, oder dem zwischen der jakobinischen und der wirklich proletarischen Vorstellung von der Weltrevolution. Hält man z. B. die Auffassung Luxemburgs gegen die nationalistischen Abenteuer der Stalinperiode der Dritten Internationale für berechtigt, so muß man sie auch als gegen Lenin berechtigt ansehen. So sehr sich die Politik der Dritten Internationale seit dem Tode Lenins auch geändert haben mag, in der nationalen Frage ist sie echt leninistisch geblieben. Ein Leninist muß mit Notwendigkeit gegen Luxemburg Stellung nehmen, er ist nicht nur ihr theoretischer Gegner, sondern ihr Todfeind. Die luxemburgische Einstellung schließt in sich die Vernichtung des leninistischen Bolschewismus, und deshalb kann niemand, der sich auf Lenin beruft, gleichzeitig Luxemburg für sich in Anspruch nehmen.

 

Gegen den Reformismus

Die Entwicklung des Weltkapitalismus, die imperialistische Entfaltung, die fortschreitende Monopolisierung der Wirtschaft und die damit verbundenen Überprofite gestatteten die vorübergehende Bildung einer Oberschicht innerhalb der Arbeiterklasse, die Durchführung sozialer Gesetzgebungen und die allgemeine Verbesserung des Lebensstandards der Arbeiter, was alles zur Entfaltung des Revisionismus und zur Herausbildung des Reformismus in der Arbeiterbewegung führte. Der revolutionäre Marxismus wurde, als den Tatsachen der kapitalistischen Entwicklung entgegengesetzt, verworfen, und die Theorie des langsamen Hineinwachsens in den Sozialismus auf dem Wege der Demokratie dafür angenommen. Mit dem unter diesen Umständen möglichen Wachstum der legalen Arbeiterbewegung wurden größere Teile des Kleinbürgertums für sie gewonnen, die bald die geistige Führung in ihr übernahmen und sich in die materiellen Vorteile der bezahlten Posten innerhalb der Bewegung mit den Arbeiteremporkömmlingen teilten. Um die Jahrhundertwende hatte sich der Reformismus auf der ganzen Linie durchgesetzt. Der Widerstand gegen diese Entwicklung der sozialistischen Bewegung durch die sogenannten „orthodoxen“ Marxisten mit Kautsky an der Spitze, der stets nur einer der Phrase war, wurde auch phraseologisch bald aufgegeben. Von den bekannteren Theoretikern jener Zeit sind die Namen Luxemburgs und Lenins als die bedeutendsten zu nennen, die ihren Kampf rücksichtslos, und bald auch so gegen die „Orthodoxen“, zu Ende führten, im Interesse einer wirklich revolutionären Arbeiterbewegung.

Von allen Angriffen gegen den Revisionismus waren wohl diejenigen Rosa Luxemburgs die kräftigsten. In ihrer gegen Bernstein gerichteten Polemik „Sozialreform oder Revolution“ wies sie, gegen den Unsinn des reinen Legalismus erneut darauf hin, daß die Ausbeutung der Arbeiterklasse als ein ökonomischer Prozeß nicht durch gesetzliche Bestimmungen im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft abgeschafft oder gemildert werden kann. Die Sozialreform, betonte sie, bildet „nicht einen Eingriff in die kapitalistische Ausbeutung, sondern eine Normierung, eine Ordnung dieser Ausbeutung“ im Interesse der kapitalistischen Gesellschaft selbst. „Das Kapital“ sagt Rosa Luxemburg, „drängt nicht zum Sozialismus, sondern zum Zusammenbruch und auf diesen Zusammenbruch ist die Arbeiterschaft einzustellen; nicht auf die Reform, sondern auf die Revolution.“ Deshalb braucht man jedoch nicht auf die Gegenwartsfragen zu verzichten, auch der revolutionäre Marxismus kämpft für die Verbesserung der Lebenslage der Arbeiter innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Im Gegensatz zum Revisionismus jedoch interessiert ihn bei weitem mehr wie gekämpft wird, als um was gekämpft wird. Für den Marxismus geht es in den gewerkschaftlichen und politischen Kämpfen um die Entwicklung der subjektiven Faktoren der Arbeiterrevolution, um die Förderung des revolutionären Klassenbewußtsems. Die schroffe Gegenüberstellung: Reform oder Revolution ist falsch, diese Gegensätze müssen in die Gesamtheit des gesellschaftlichen Prozesses eingeordnet werden. Das Endziel, die proletarische Revolution, darf nicht durch den Kampf um die Tagesforderungen erstickt werden. In ähnlicher Weise attackierte etwas später auch Lenin den Revisionismus; auch für ihn waren die Reformen nur Nebenprodukte des auf die Eroberung der politischen Macht gerichteten Kampfes. Beide waren sich im allgemeinen einig in ihrem Kampf gegen die Entartungen der marxistischen Bewegung und stellten sich auf den Boden des revolutionären Kampfes um die Macht. Sie traten sich zuerst als Gegner gegenüber, als die russischen Zustände vor, während und nach der Revolution von 1905 den revolutionären Kampf um die Macht zu einer brennenden und aktuellen Frage machten, die konkret zu beantworten war. Der Streit der zwischen Luxemburg und Lenin entbrannte, drehte sich so zuerst um taktische Probleme, um Fragen der Organisation und um die nationale Frage

 

Um die nationale Frage

Lenin, stark von Kautsky beeinflußt, glaubte gleich Letzterem, daß die nationalen Unabhängigkeitsbewegungen als fortschrittlich anzusehen seien, weil der „nationale Staat die besten Bedingungen für die Entwicklung des Kapitalismus garantiert.“ In seiner Polemik gegen Rosa Luxemburg mit Bezug auf das Selbstbestimmungsrecht der Nationen behauptet er, daß die Forderung des Selbstbestimmungsrechtes deshalb revolutionär sei, „weil diese Forderung eine demokratische sei, die sich in nichts von den übrigen demokratischen Forderungen unterscheidet.“ Ja, „In jedem bürgerlichen Nationalismus der unterdrückten Nationen“, behauptet er, „ist ein demokratischer Inhalt gegen die Unterdrückung enthalten und diesen Inhalt unterstützen wir unbedingt.“

Die Stellung Lenins zum Selbstbestimmungsrecht war - wie auch aus anderen Schriften ersichtlich - dieselbe, wie die zur Demokratie. In seinen Thesen über „Die sozialistische Revolution und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen“ führt er aus, „es wäre grundfalsch zu denken, daß der Kampf um die Demokratie das Proletariat von der sozialistischen Revolution ablenken kann. Umgekehrt, so wie der siegreiche Sozialismus, der nicht die volle Demokratie verwirklicht, unmöglich ist, so kann sich auch das Proletariat, das nicht einen allseitigen, konsequenten, revolutionären Kampf um die Demokratie führt, nicht zum Siege über die Bourgeoisie vorbereiten.“ So sind für Lenin die nationalen Bewegungen und Kriege nichts anderes als Bewegungen und Kriege um die Demokratie, an denen das Proletariat sich zu beteiligen hat; denn für ihn war ja der Kampf um die Demokratie die notwendige Voraussetzung des Kampfes um den Sozialismus. „Wenn der Kampf um die Demokratie möglich ist“, schreibt er, „so ist auch der Krieg um die Demokratie möglich.“ Und so sind ihm denn auch „in einem wirklich nationalen Krieg die Worte 'Verteidigung des Vaterlandes' durchaus kein Betrug“, und Lenin ist in einem solchen Falle für die Verteidigung. „Sofern die Bourgeoisie der unterdrückten Nation gegen die unterdrückende kämpft,“ schreibt er, ,,sofern sind wir immer in allen Fällen und entschiedener als alle dafür, weil wir die unerschrockenen und die konsequenten Feinde jeder Unterdrückung sind.“

Dieser Einstellung sind beide, Lenin bis zuletzt, und der Leninismus bis heute treu geblieben - solange sie nicht die bolschewistische Parteiherrschaft selbst in Frage stellte. Nur eine kleine Änderung wurde vorgenommen. Waren für Lenin vor der russischen Revolution die nationalen Befreiungskriege und - bewegungen ein Teil der allgemeinen demokratischen Bewegung, so wurden sie nach der Revolution ein Teil des proletarischen weltrevolutionären Prozesses.

Diese hier zusammengefaßte Einstellung Lenins erschien Rosa Luxemburg als völlig falsch. In ihrer während des Krieges erschienenen „Juniusbroschüre“ faßt sie ihren eigenen Standpunkt wie folgt zusammen: „Solange kapitalistische Staaten bestehen, namentlich solange die imperialistische Weltpolitik das innere und äußere Leben der Staaten bestimmt und gestaltet, hat das nationale Selbstbestimmungsrecht mit ihrer Praxis im Kriege wie im Kriege nicht das geringste gemein. .... In dem heutigen imperialistischen Milieu kann es überhaupt keine nationalen Verteidigungskriege mehr geben, und jede sozialistische Politik, die von diesem bestimmten historischen Niveau absieht, die sich mitten im Weltstrudel nur von den isolierten Gesichtspunkten eines Landes leiten läßt, ist von vornherein auf Sand gebaut.“ An dieser Auffassung hielt Rosa Luxemburg bis zuletzt fest, außerstande, sich Lenin gegenüber zur geringsten Konzession zu verstehen; und nach der russischen Revolution und der aktuellen Durchführung der Politik des Selbstbestimmungsrechts der Nationen fragt sie erneut in ihrer Arbeit über die „Russische Revolution“ weshalb wohl die Bolschewiken mit solcher Hartnäckigkeit und starren Konsequenz an der Parole des Selbstbestimmungsrechtes festhielten, da dies doch „in krassem Widerspruch zu ihrem sonstigen Zentralismus der Politik wie auch der Handlung steht, die sie den sonstigen demokratischen Grundsätzen gegenüber eingenommen haben. . . . Der Widerspruch, der hier klafft, ist umso unverständlicher, als es sich bei den demokratischen Formen des politischen Lebens in jedem Lande tatsächlich um höchst wertvolle, ja unentbehrliche Grundlagen der sozialistischen Politik handelt, während das famose 'Selbstbestimmungsrecht' der Nationen nichts als kleinbürgerliche Phraseologie und Humbug ist.“

Rosa Luxemburg erklärt sich diese falsche Nationalitätenpolitik Lenins als eine „Art Opportunismus“, um „die vielen fremden Nationalitäten im Schoße des russischen Reiches an die Sache der Revolution zu fesseln“, ähnlich dem Opportunismus den Bauern gegenüber, „deren Landhunger durch die Parole der direkten Besitzergreifung des adligen Grund und Bodens befriedigt wurde und die dadurch an die Fahne der Revolution gefesselt werden sollten.“ In beiden Fällen ist ihrer Ansicht nach, „die Berechnung leider gänzlich fehlgeschlagen. Umgekehrt als die Bolschewiki es erwarteten, .. . benutzte eine nach der anderen der (befreiten) 'Nationen' die frisch geschenkte Freiheit dazu, sich als Todfeindin der russischen Revolution gegen sie mit dem deutschen Imperialismus zu verbinden und unter seinem Schutze die Fahne der Konterrevolution nach Rußland selbst zu tragen...... Freilich sind es nicht die 'Nationen', die jene reaktionäre Politik betätigen, sondern nur die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Klassen. ... die das nationale Selbstbestimmungsrecht zu einem Werkzeug ihrer konterrevolutionären Klassenpolitik verkehrten. Aber ... darin liegt eben der utopisch-kleinbürgerliche Charakter dieser nationalistischen Phrase, daß sie in der rauhen Wirklichkeit der Klassengesellschaft. . . . sich einfach in ein Mittel der bürgerlichen Klassengesellschaft verwandelt.“ Daß die Bolschewiken die Frage der nationalen Bestrebungen Und Sondertendenzen mitten in den revolutionären Kampf warfen, hat nach Rosa Luxemburg „die größte Verwirrung in die Reihen des Sozialismus geworfen; ... die Bolschewiken haben die Ideologie geliefert, die den Feldzug der Konterrevolution maskiert hat, sie haben die Position der Bourgeoisie gestärkt und die der Proletarier geschwächt. .... Den Bolschewiken war es beschieden, mit der Phrase von der Selbstbestimmung der Nationen Wasser auf die Mühlen der Konterrevolution zu liefern und damit eine Ideologie nicht nur für die Erdrosselung der russischen Revolution selbst, sondern für die geplante konterrevolutionäre Liquidierung des ganzen Weltkrieges zu liefern.“ („Die Russische Revolution“)

Weshalb verlegte sich Lenin, um mit Rosa Luxemburg erneut zu fragen, mit solcher Hartnäckigkeit auf die Parole der Selbstbestimmung der Nationen und die der Befreiung der unterdrückten Völker? Ohne Zweifel widerspricht diese Parole der Forderung nach der Weltrevolution, und wie Luxemburg war auch Lenin an der Auslösung der Weltrevolution interessiert, da er, wie alle Marxisten jener Zeit, nicht daran glaubte, daß Rußland, auf sich selbst beschränkt, sich revolutionär behaupten könnte. Mit Engels Ausspruch: „Wenn eine russische Revolution zugleich eine europäische proletarische Revolution hervorruft, dann kann das heutige russische Gemeineigentum zum Ausgangspunkt einer kommunistischen Entwicklung dienen“ im Einklang, war es für Lenin nicht nur klar, daß die Bolschewiken in Rußland die Macht zu erobern hätten, sondern auch, daß die russische- zur europäischen- und damit zur Weltrevolution werden müßte, sollte sie zum Sozialismus führen. Auf Grund der, durch den Weltkrieg gegebenen, objektiven Situation konnte sich Lenin so wenig wie Rosa Luxemburg vorstellen, daß Rußland sich gegen die kapitalistischen Mächte halten könnte, fände die Revolution nicht ihre Fortsetzung in Westeuropa. Es war für Luxemburg sehr unwahrscheinlich, daß „die Russen sich in diesem Hexensabbat werden halten können“, und dies nicht nur auf Grund ihrer Erfahrungen mit und ihres Mißtrauens gegen Leute, wie Lenin und Trotzki und deren albernen Phraseologie vom Selbstbestimmungsrecht der Nationen, ihrer Konzessionspolitik den Bauern gegenüber, usw., nicht nur wegen der imperialistischen Attacken gegen die russische Revolution und noch viel weniger aus einem Standpunkt heraus, den die Sozialdemokratie propagierte, der statistisch nachwies, daß die rückständige ökonomische Entwicklung Rußlands weder die Revolution rechtfertige noch den Sozialismus zuließe, sondern an erster Stelle, wie sie aus dem Gefängnis schrieb, „weil die Sozialdemokratie im hochentwickelten Westen aus hundsjämmerlichen Feiglingen besteht, und die Russen, ruhig zusehend, wird verbluten lassen.“ Sie ist für die bolschewistische Revolution, so sehr sie die Bolschewicken auch kritisiert vom Gesichtspunkt der weltrevolutionären Notwendigkeiten, und sie versucht, deren Rückzüge stets auf das Versagen des westeuropäischen Proletariats zurückzuführen. „Ja“, schreibt sie in einem Brief an Luise Kautsky, „natürlich machen es mir die Bolschewiken jetzt auch nicht recht in ihrem Friedensfanatismus (Brest Litowsk). Aber schließlich ... sie sind nicht schuld. Sie sind in einer Zwangslage, haben nur die Wahl zwischen zwei Tracht Prügeln und wählen die kleinere. Verantwortlich sind andere, daß aus der russischen Revolution der Teufel profitiert.“ Und in ihrer Arbeit „Die Russische Revolution“ rechtfertigt sie die Bolschewiken erneut: „Mögen die deutschen Regierungssozialisten schreien, die Herrschaft der Bolschewiken sei ein Zerrbild der Diktatur des Proletariats. Wenn sie es war oder ist, so nur, weil sie eben ein Produkt der Haltung des deutschen Proletariats war, die ein Zerrbild auf sozialistischen Klassenkampf war.“

Rosa Luxemburg starb zu früh, um zu sehen, daß die bolschewistische Politik, wenn sie auch die revolutionäre Bewegung zu befruchten aufhörte, doch imstande war, die Herrschaft der Bolschewiki im Rahmen des Staatskapitalismus zu sichern. „Bleibt die deutsche Revolution aus“, schrieb Liebknecht aus dem Gefängnis („Nachlaß“) im Einklang mit Rosa Luxemburg, „so bleibt für die russische Revolution die Alternative: revolutionärer Untergang oder schimpfliches Schein- und Trugleben.“ Die Bolschewiken wählten das Letztere. „Es gibt in Rußland Kommunisten“, schrieb Eugen Varga 1921 in seinem Buch über „Die wirtschaftspolitischen Probleme der proletarischen Diktatur“, „die des langen Wartens auf die europäische Revolution überdrüssig geworden, sich endgültig auf eine Isoliertheit Rußlands einrichten wollen. Mit einem Rußland, welches die soziale Revolution der anderen Länder als eine ihm fremde Angelegenheit betrachten würde, ... würden die kapitalistischen Länder allerdings in friedlicher Nachbarschaft leben können. Eine solche Einkapselung des revolutionären Rußlands. ... würde den Gang der Weltrevolution verlangsamen.“

Die Nationalitätenpolitik Lenins hat die Herrschaft der Bolschewiki nicht aufgehoben. Wohl sind große Gebiete von Rußland abgetrennt verblieben und zu reaktionären Staaten geworden, aber fester denn je ist die Macht des bolschewistischen Staates. Scheinbar hat sich die leninistische Linie als für Rußland richtig herausgestellt, scheinbar waren Rosa Luxemburgs Warnungen unbegründet. Dies jedoch nur insoweit, als es sich um die machtvolle Position des bolschewistischen Staatsapparates handelt, auf keinen Fall jedoch vom Standpunkt der Weltrevolution aus gesehen, dem Standpunkt, der dem Streit zwischen Luxemburg und Lenin zugrunde lag. Wohl besteht das bolschewistische Rußland noch, aber nicht als das, als was es begann, nicht als Ausgangspunkt der Weltrevolution, sondern als ein gegen sie gerichtetes Bollwerk. Das Rußland, das Rosa Luxemburg und jeder Revolutionär mit ihr gefeiert hatte, ist vor die Hunde gegangen; was geblieben ist, ist ein Rußland, von dem Rosa Luxemburg in den „Spartakusbriefen“ schon 1918 befürchten konnte: „Wie ein unheimliches Gespenst nähert sich. . . . ein Bündnis der Bolschewiki mit Deutschland. Eine Allianz der Bolschewiki mit dem deutschen Imperialismus wäre der furchtbarste moralische Schlag für den internationalen Sozialismus. . . . Mit der grotesken „Paarung“ zwischen Lenin und Hindenburg wäre die moralische Lichtquelle im Osten verlöscht. … Sozialistische Revolution. .... unter der Schirmvogtei des deutschen Imperialismus. … das wäre das ungeheuerlichste, was wir noch erleben könnten. Und obendrein wäre es. … reine Utopie. .... Jeder politische Untergang der Bolschewiki im ehrlichen Kampfe gegen die Übermacht und Ungunst der geschichtlichen Situation wäre diesem moralischen Untergang vorzuziehen.“ Ist die lange Freundschaft des leninistischen Rußland mit dem Hindenburg - Deutschland auch vorübergehend getrübt worden, zieht es die bolschewistische Diktatur heute vor, sich auf die französischen Bajonette im besonderen und den Völkerbund im allgemeinen zu stützen, so praktiziert sie heute doch offen, wofür sie im Prinzip schon immer eintrat und was Bucharin auf dem vierten Weltkongress der Komintern folgendermaßen klar ausdrückte: „Es gibt keinen prinzipiellen Unterschied zwischen einer Anleihe und einem militärischen Bündnis. Wir sind bereits so gewachsen, daß wir ein militärisches Bündnis mit einer anderen Bourgeoisie schließen können; um mittels dieses bürgerlichen Staates ein anderes Bürgertum niederzuschmettern. Bei dieser Form der Landesverteidigung, des militärischen Bündnisses mit bürgerlichen Staaten, ist es die Pflicht der Genossen eines Landes, diesem Block zum Siege zu verhelfen.“ In der grotesken Paarung zwischen Lenin und Hindenburg, den kapitalistischen- und den Interessen der bolschewistischen Machthaber, illustriert sich denn auch der Niedergang der weltrevolutionären Welle, der heute noch nicht abgeschlossen ist. Die sich um Lenins Namen scharende Arbeiterbewegung ist ein Spielball kapitalistischer Politik, zu jeder revolutionären Handlung absolut unfähig. Lenins Taktik - die Ausnützung der nationalen Bewegungen zu weltrevolutionären Zwecken - hat sich geschichtlich als verfehlt erwiesen. Die Warnungen Rosa Luxemburgs waren berechtigter, als ihr dies jemals hätte recht sein können.

Die „befreiten“ Nationen bilden einen faschistischen Gürtel um Rußland. Die „befreite“ Türkei schlachtet, mit den ihr von Rußland gelieferten Waffen, die Kommunisten ab. Das in seinem nationalen Freiheitskampf von Rußland und der Dritten Internationale unterstützte China würgt seine Arbeiterbewegung nach dem Muster der Pariser Kommune ab. Abertausende von Arbeiterleichen bestätigen Rosa Luxemburgs Auffassung, daß die Phrase vom Selbstbestimmungsrecht der Nationen nichts als „kleinbürgerlicher Humbug“ ist. Wie sehr der „Kampf um die nationale Befreiung ein Kampf um die Demokratie ist,“ zeigen wohl die nationalistischen Abenteuer der Dritten Internationale in Deutschland auf, die mit zu den Voraussetzungen des faschistischen Sieges gehören. Man hat die Arbeiter selbst zu Faschisten erzogen, indem man zehn Jahre lang mit Hitler um den wirklichen Nationalismus konkurrierte. Und Litwinow feiert im Völkerbund den Sieg des Leninschen Gedankens der Selbstbestimmung der Völker anläßlich der Saar-Abstimmung.

Die Haltung Lenins zur nationalen Frage und dem mit ihr verbundenen Problem des Krieges ist neben ihrer durch den Leninschen Opportunismus bestimmten Inkonsequenz zugleich durchaus widerspruchsvoll. Während eines imperialistischen Krieges muß, nach Lenin, das Proletariat für die Niederlage des eigenen Landes sein. Ist sie erfolgt, dann muß die Arbeiterschaft wiederum ihre Bourgeoisie in ihrem Kampfe um die nationale Befreiung unterstützen. Und wenn dann die „unterjochte Nation“ mit Hilfe des Proletariats wieder zu einer gleichberechtigten Nation geworden ist, dann hat die Arbeiterschaft erneut die Landesverteidigung abzulehnen. So waren denn Lenin und die Bolschewiken 1914 -1918 in ihrer Stellung zu Deutschland gegen die Vaterlandsverteidigung. 1919 -23 waren sie für die Vaterlandsverteidigung und die nationale Befreiung Deutschlands. Heute, wo Deutschland, dank der Hilfe des Proletariats wieder zur imperialistischen Macht geworden ist, sind sie erneut gegen die Vaterlandsverteidigung in Deutschland — und für sie in Frankreich und den anderen im Moment mit Russland sympathisierenden Ländern. Und Morgen — wogegen oder wofür sie morgen sein werden, hängt von der Mächtekonstellation für den nächsten Weltkrieg ab, der Rußland als Verbündeten dieser oder jener Mächtegruppe sehen wird. Daß dies nichts mit marxistischem Klassenkampf zu tun hat, das bemühte sich Rosa Luxemburg aufzuzeigen.

Lenin war ein praktischer Politiker. Wesentlich unterschied er sich von den Theoretikern der Zweiten Internationale nur als Taktiker. Was die Einen auf demokratischem Wege erreichen wollten, versuchte er auf revolutionärem Wege zu erringen; nicht mit dem Maul im Parlament, sondern mit Gewalt auf dem realen Felde des Klassenkampfes wollte er für die Arbeiter den Sozialismus erkämpfen. Mittels seiner Partei wollte er die Revolution für die Massen machen, indem die Partei die Massen für sich gewann. Die Macht mußte in die Hände der Bolschewiki kommen, damit die russischen Ausgebeuteten befreit werden konnten. Die Macht mußte in den Händen der Bolschewiki sein, um den Weltkapitalismus revolutionär zu überwinden. Die Aneignung der politischen Macht durch die Partei war Anfang und Ende der Leninschen Politik. Seine fälschlich als geschickt und flexibel gefeierte, in Wirklichkeit jedoch rein opportunistische Politik galt zuallererst der Eroberung der Macht für die bolschewistische Partei.

Das russische Bürgertum war beim Ausbruch der russischen Revolution außerstande, die übernommene Macht zu halten, da es außerstande war, die Agrarfrage revolutionär zu lösen. Dies blieb den Bolschewiken überlassen. „Wir haben wie niemand sonst die bürgerlich-demokratische Revolution bis zu Ende durchgeführt“, führte Lenin zum Vierten Jahrestag der Oktoberrevolution aus, und diese Revolution wurde mit Hilfe der Bauern durchgeführt. Die Bolschewiki hatten die Macht und balancierten die Gegensätze zwischen den Arbeitern und Bauern stets so aus, daß sie die Macht behalten konnten. Im Interesse dieser Machterhaltung wurde die Zick-Zack-Politik im russischen wie im internationalen Maßstabe durchgeführt, die aus der Geschichte der Dritten Internationale die Geschichte ihrer Krisen und ihres Unterganges machte. Die ersten Konzessionen an die Bauern genügten Luxemburg bereits, die notwendige Entwicklung Rußlands in groben Umrissen vorauszusehen; wenn nicht die Weltrevolution diesem „Sündenfall“ die rückwirkende Kraft nähme. „Die Parole, ‑sofortige Besitzergreifung und Aufteilung des Grund und Bodens durch die Bauern“, schrieb Rosa Luxemburg, „mußte geradezu nach der entgegengesetzten Richtung wirken. Sie ist nicht nur keine sozialistische Maßnahme, sondern sie schneidet den Weg zu einer solchen ab.“ Rosa Luxemburg wußte nicht (sie saß damals im Gefängnis), daß die Bauern das Land verteilten, noch ehe die Bolschewiken die Parole dazu ausgaben, und das Letztere nur rechtlich machten, was praktisch schon durchgeführt war. Die Spontanität der Bauernmassen war auch hier schneller als die Parole der „Träger des revolutionären Bewusstseins“, als das sich die Bolschewiken ansahen.

Die Bolschewiken wollten die bürgerliche Revolution jedoch konsequent zu Ende führen und dazu gehört auch die Umwandlung der Bauern in ländliche Lohnarbeiter, die Kapitalisierung der Landwirtschaft. Dieser Prozeß ist noch im vollen Gange und wird als Kollektivisierung in der Welt gefeiert; er ist nicht abgeschlossen und kann wohl nicht, ohne neue gesellschaftliche Erschütterungen, abgeschlossen werden. Scheinbar jedoch können die Leninisten gegen Luxemburg beweisen, daß sie im Unrecht war, als sie annahm, daß ohne Weltrevolution der Bolschewismus an der Bauernfrage zu Grunde gehen muß. Doch muß dieser Beweis zugleich aufzeigen, daß der Bolschewismus tatsächlich zum Sozialismus geführt hat. Was jedoch in Rußland besteht ist der Staatskapitalismus. Mag man ihn auch Sozialismus nennen, er bleibt doch lohnarbeitausbeutender Staatskapitalismus und damit hat sich die Luxemburgische Befürchtung, wie sehr auch immer modifiziert, doch bestätigt.

Die Bauernbewegungen in den ersten Jahren der russischen Revolution zwangen den Bolschewiken, wollten sie an der Macht bleiben, einen Kurs auf, der die Weltrevolution behindern mußte und der in Rußland nichts weiter erlaubte, als einen Staatskapitalismus, der vom Proletariat revolutionär gestürzt werden muß, will es zum Sozialismus gelangen. An dieser Stelle interessiert uns jedoch nur, daß die Bolschewiken mit Hilfe der Bauernbewegung zur Macht kommen konnten. Und weiter, daß sie glaubten, daß es genüge, im Besitze der politischen und wirtschaftlichen Kommandohöhen zu sein, um, mit einer richtigen Politik, zum Sozialismus zu kommen. Was durch rückständige Zustände den Bolschewisten aufgezwungen war, die weitgehendste Zentralisation aller Gewalt und die Konzessionen an die Bauern, das erschien ihnen als ihre eigene, kluge, erfolgreiche Politik, die sie auch auf internationalem Boden anzuwenden gedachten. Lenin hatte die Bewegungsgesetze der russischen Revolution lange vor ihrem Ausbruch mit großer Deutlichkeit voraus gesehen und seine gesamte Theorie und Praxis war auf diesen russischen Zustand zugeschnitten. Deshalb sein überspitzter Zentralismus, seine bestimmte Auffassung von der Rolle der Partei, seine Akzeptierung der Hilferdingschen Sozialisierungsideen, und auch seine Stellung zur nationalen Frage. Konnte auch Rosa Luxemburg, als Kenner der russischen Zustände, die Leninsche Politik sehr gut verstehen und den Grund dazu ausgezeichnet marxistisch analysieren, und konnte sie, solange die Bolschewiken tatsächlich als weltrevolutionäre Kraft auftraten, all dies als unvermeidlich in Kauf nehmen, so wandte sie sich doch mit aller Macht dagegen, daß man aus dieser speziellen russischen Situation ein Rezept zur Lösung der weltrevolutionären Aufgaben der Arbeiterschaft machen wollte. „Das Gefährliche beginnt dort“, sagt sie von der Leninschen Politik, „wo die Bolschewiken aus der Not eine Tugend machen, und ihre von diesen fatalen Bedingungen aufgezwungene Taktik nunmehr theoretisch in allen Stücken fixieren und dem internationalen Proletariat als das Muster der sozialistischen Taktik zur Nachahmung empfehlen wollen.“ (Die Russische Revolution)

Hatte das Bündnis zwischen Bauern und Arbeitern, wie Lenin erwartet hatte, den Bolschewiken tatsächlich die Macht in die Hände gespielt, so stellte er sich den Verlauf der Weltrevolution als einen ähnlichen Prozeß, wenn auch in größerem Maßstabe vor. Die unterdrückten Völker waren in erster Linie agrarische Nationen und die Kommunistische Internationale versuchte in ihrer Bauernpolitik tatsächlich, die agrarischen- mit den Arbeiterinteressen im Weltmaßstabe zusammenzufassen, um sie gegen das Kapital, dem russischen Muster folgend, zu stellen und es im Weltmaßstab zu besiegen. Die nationalen Freiheitsbewegungen in den Kolonien und die der nationalen Minderheiten in den kapitalistischen Ländern zu unterstützen, war ebenfalls wertvoll für die Bolschewiken, weil dadurch die imperialistische Intervention der kapitalistischen Länder in Rußland geschwächt wurde. Jedoch die Weltrevolution ließ sich nicht wie eine vergrößerte Kopie der russischen Revolution behandeln. Die Abenteuer der Kommunistischen Internationale in ihren Versuchen, aus sich eine Arbeiter- und Bauerninternationale zu machen, sind als Fehlschläge bekannt; sie förderten nicht, sie zersetzten die revolutionäre Bewegung gegen den Kapitalismus. Alles was dabei erreicht werden konnte, war die Sicherung der bolschewistischen Staatsmacht in Rußland durch die Gewinnung einer langen geschichtlichen Atempause, die zur Entwicklung eines russischen- und internationalen Zustandes führte, wie er sich uns heute präsentiert.

 

Der Zusammenbruch des Kapitals.

War Lenins Einstellung zur nationalen Frage einerseits von dem diesbezüglichen, nicht gänzlich überwundenen sozialdemokratischen Standpunkt der Vorkriegszeit bestimmt, und war sie ihm, andererseits, ein Mittel zur Errichtung und Festigung der bolschewistischen Herrschaft in Rußland und deren eventuellen Ausdehnung im Weltmaßstabe, so hatte sie für Rosa Luxemburg keine andere Bedeutung, als die einer falschen Politik, die sich bitter rächen würde.

Im Gegensatz zu Lenin, für den, durchaus im Einklang zu seiner Gesamteinstellung, die Organisation und die Eroberung der Macht für die Partei die notwendige Voraussetzung für den Sieg des Sozialismus war, bildete dieser Lenin bewegende Gedanke nicht den Ausgangspunkt der Anschauungen Rosa Luxemburgs. Ihr Augenmerk war auf die Klassennotwendigkeiten des Proletariats gerichtet. War weiterhin Lenins Theorie und Praxis hauptsächlich an die rückständigen russischen Verhältnisse gebunden, so ging Rosa Luxemburg stets von den kapitalistisch entwickelteren Ländern aus und war so außerstande, in der „geschichtlichen Mission“ der Arbeiterklasse ein Partei- und Führerproblem zu sehen. Mehr Bedeutung als dem Wachsen der Organisation und der Qualität der Führer maß sie den spontanen Massenbewegungen und der Eigeninitiative der Arbeiter in deren Kämpfen zu. So unterschied sie sich von Lenin grundsätzlich in der Bewertung des Spontaneitätsmomentes in der Geschichte und damit auch der Frage der Rolle der Organisation im Klassenkampf. Bevor wir jedoch auf diese Differenzen eingehen, sei es uns erlaubt, kurz, wie es hier leider nicht anders möglich, auf den Unterschied der Auffassungen Luxemburgs und Lenins zur Marxschen Akkumulationstheorie einzugehen, da diese Frage mit allen aufs engste verknüpft ist.

In ihrem Kampf gegen die Revisionisten hatte Rosa Luxemburg schon betont, daß die Arbeiterschaft auf Revolution, nicht auf Reform eingestellt werden muß, da der Kapitalismus unvermeidlich seinem Zusammenbruch entgegentreibt. Dem Revisionismus, der sich bemühte, dem Kapitalismus Ewigkeitsdauer zuzuschreiben, hielt sie entgegen, „daß mit der Annahme der ökonomischen Schrankenlosigkeit der kapitalistischen Akkumulation, dem Sozialismus der granitene Boden der objektiven historischen Notwendigkeit unter den Füßen verschwindet. Wir verfluchten uns dann in die Nebel der vormarxistischen Systeme und Schulen, die den Sozialismus aus bloßer Ungerechtigkeit und Schlechtigkeit der heutigen Welt und aus der bloßen revolutionären Entschlossenheit der arbeitenden Klasse ableiten wollen.“ („Was die Epigonen aus der Marxsehen Theorie gemacht haben“ ‑Antikritik.) Ihr Hauptwerk „Die Akkumulation des Kapitals“, als ein Teil ihres Kampfes gegen den Reformismus gedacht, galt dem Nachweis einer objektiven Grenze der kapitalistischen Entfaltung, und war zugleich eine Kritik der Marxschen Akkumulationstheorie.

Marx hatte, ihrer Auffassung nach, „die Frage der Akkumulation des Gesamtkapitals nur gestellt, aber nicht mehr beantwortet.“ Sein „Kapital“ erschien ihr als „unvollständig“, als „Torso“, es enthielt „Lücken“, die es auszufüllen galt. Marx hat den „Akkumulationsprozeß des Kapitals in einer Gesellschaft dargestellt, die lediglich aus Kapitalisten und Arbeitern besteht,“ er „hat in seinem System den Außenhandel übergangen“ und „ebenso notwendig wie zugleich unmöglich erscheint deshalb in seinem System die Realisierung des Mehrwerts außerhalb der beiden existierenden Gesellschaftsklassen.“ Die Akkumulation des Kapitals ist bei Marx „in einen fehlerhaften Zirkel geraten“; ja, sein Werk enthält „klaffende Widersprüche“, die sie zu überwinden sich anschickte.

Sie selbst begründete die Notwendigkeit des kapitalistischen Zusammenbruchs mit „dem dialektischen Widerspruch, daß die kapitalistische Akkumulation zu ihrer Bewegung nichtkapitalistischer Formen als ihrer Umgebung bedarf. …und nur solange existieren kann, als sie dieses Milieu vorfindet.“ Sie suchte die Schwierigkeiten der Akkumulation in der Zirkulationssphäre, in der Absatzfrage und der der Mehrwertrealisierung, während bei Marx diese Schwierigkeiten bereits in der Produktionssphäre gegeben sind, da für ihn die Akkumulation eine Kapitalverwertungsfrage ist. Die Produktion von Mehrwert, nicht die Realisierung desselben, ist für ihn das wirkliche Problem. Für Rosa Luxemburg konnte ein Teil des Mehrwerts in einem wie von Marx dargestellten Kapitalismus nicht abgesetzt werden; dessen Verwandlung zu neuem Kapital war nur auf dem Wege des Außenhandels mit nichtkapitalistischen Ländern möglich. Sie formulierte dies in der „Akkumulation des Kapitals“ folgendermaßen: „Der Akkumulationsprozeß hat die Bestrebung, überall an Stelle der Naturalwirtschaft die einfache Warenwirtschaft, an Stelle der einfachen Warenwirtschaft die kapitalistische Wirtschaft zu setzen, die Kapitalproduktion als die einzige und ausschließliche Produktionsweise in sämtlichen Ländern und Zweigen zur absoluten Herrschaft zu bringen. Das Endresultat einmal erreicht — was jedoch nur theoretische Konstruktion bleibt —, wird die Akkumulation zur Unmöglichkeit. Die Realisierung und Kapitalisierung des Mehrwerts verwandelt sich in eine unlösbare Aufgabe. … Die Unmöglichkeit der Akkumulation bedeutet kapitalistisch die Unmöglichkeit der weiteren Entfaltung der Produktivkräfte und damit die objektive geschichtliche Notwendigkeit des Untergangs des Kapitalismus.“

Diese Gedankengänge Rosa Luxemburgs waren nicht neu, originell war nur die Begründung, die sie ihnen gab. Sie versuchte, deren Richtigkeit an dem Marxschen Reproduktionsschema im zweiten Band des „Kapital“ zu beweisen. Nach Marx muß das Kapital akkumulieren. Ein bestimmtes Verhältnis muß zwischen den verschiedenen Produktionsgebieten vorhanden sein, damit die Kapitalisten die Produktionsmittel, die Arbeiter die Lebensmittel für die Reproduktion auf dem Markt vorfinden. Dieses Verhältnis, von den Menschen nicht kontrolliert, setzt sich auf dem Umweg über den Markt blind durch. Marx reduzierte es auf zwei zusammenfassende Produktionsabteilungen: die Produktion von Produktionsmitteln und die Produktion von Konsumtionsmitteln. Mit willkürlich gewählten Zahlen illustrierte er den Austausch zwischen beiden Abteilungen. Aufgrund dieser Marxschen Schemata verläuft die Akkumulation scheinbar ohne Störungen. Der Austausch zwischen beiden Abteilungen geht glatt vonstatten. „Nimmt man das Schema wörtlich“, sagt Rosa Luxemburg, „dann erweckt es den Anschein, als ob die kapitalistische Produktion ausschließlich ihren gesamten Mehrwert realisierte und den kapitalistischen Mehrwert für die eigenen Bedürfnisse verwendete. Ist die kapitalistische Produktion jedoch selbst ausschließlich Abnehmerin ihres Mehrprodukts, so ist für die Akkumulation keine Schranke zu finden. … Unter den Marxschen Voraussetzungen läßt das Schema keine andere Deutung zu, als die schrankenlose Produktion um der Produktion willen.“ Aber das kann, sagt Rosa Luxemburg, doch nicht der „Zweck“ der Akkumulation sein; eine solche Produktion, wie das Schema suggeriert, ist „vom kapitalistischen Standpunkt aus völlig sinnlos.“ ... „Das Marxsche Schema der Akkumulation gibt auf die Frage: für wen die erweiterte Reproduktion eigentlich stattfindet, keine Antwort.“ … „Wohl steigt mit der Akkumulation die Konsumtion der Arbeiter wie die der Kapitalisten, doch fällt die persönliche Konsumtion der Kapitalisten unter den Gesichtspunkt der einfachen Reproduktion; und für wen produzieren dann die Kapitalisten, wenn sie nicht den ganzen Mehrwert konsumieren, sondern freiwillig 'entsagen', d.h. akkumulieren? Noch weniger kann die Erhaltung einer immer größeren Armee von Arbeitern der Zweck der ununterbrochenen Kapitalakkumulation sein, da die Konsumtion der Arbeiter kapitalistisch eine Folge der Akkumulation, doch niemals ihr Zweck und ihre Voraussetzung ist..... In dem Moment, wo das Marxsche Schema der erweiterten Reproduktion der Wirklichkeit entspräche, zeigte es das Ende der kapitalistischen Produktion an.“ Aber das reibungslose Austauschverhältnis zwischen den beiden großen Abteilungen der Produktion, deren Gleichgewicht innerhalb der Marxschen Schemata, ist nach Luxemburg gar nicht möglich.[1] „Die Annahme der wachsenden organischen Zusammensetzung des Kapitals würde zeigen, daß die Einhaltung der notwendigen quantitativen Proportionen ausgeschlossen ist; d.h. die Unmöglichkeit der Dauerakkumulation läßt sich rein quantitativ schematisch beweisen. Ein Austausch zwischen beiden Abteilungen ist nicht möglich, es bleibt ein unabsetzbarer Rest in der Abteilung der Konsumgüter, eine Überproduktion an unrealisierbarem Mehrwert, der erst in nichtkapitalistischen Ländern realisiert werden kann.“ („Die Akkumulation des Kapitals“). Mit dieser Theorie erklärte Rosa Luxemburg auch die imperialistischen Notwendigkeiten der kapitalistischen Länder.

Im direkten Gegensatz zu dieser Theorie Rosa Luxemburgs steht die Auffassung Lenins, was aus allen seinen ökonomischen Schriften ersichtlich ist. In vollem Einklang mit Marx, suchte er die Widersprüche, die die historische Begrenztheit des Kapitals andeuteten, nicht wie Rosa Luxemburg in der Zirkulations-, sondern in der Produktionssphäre. Kritiklos stellte Lenin sich voll und ganz auf den Boden der Marxschen ökonomischen Theorien, da siesich nicht ergänzen ließen. In seinen eigenen theoretischen Arbeiten beschränkte er sich auf die Anwendung der Marxschen Lehren bei der Untersuchung der Entwicklung des Kapitalismus im allgemeinen und die des russischen im besonderen.

Schon in seinen Schriften gegen die Narodniki, die nicht an eine kapitalistische Entwicklung Rußlands glauben wollten, da die Entwicklung eines Außenmarktes die Hauptbedingung dafür wäre und dieser Außenmarkt für Rußland nicht vorhanden war, da es zu spät die kapitalistische Bühne betrat, hatte Lenin bereits viele seiner Argumente gegen Rosa Luxemburgs Auffassung vorweggenommen. Die Narodniki behaupteten, daß der innere kapitalistische Markt zur Entfaltung der kapitalistischen Wirtschaft nicht genüge, ja, daß er sich durch die mit dem Kapitalismus verbundene Verelendung der Massen dauernd vermindere. Ähnlich wie später Rosa Luxemburg bestritten auch sie, daß sich der kapitalistische Mehrwert ohne Außenmärkte realisieren ließe. Die Frage der Realisierung des Mehrwerts hat nach Lenin mit dieser Problemstellung jedoch nichts zu tun; die „Einbeziehung des Außenhandels verschiebt das Problem nur, aber es löst es nicht.“ Die Notwendigkeit des Außenmarktes für ein kapitalistisches Land erklärt sich für ihn, wie er ausführt, „überhaupt nicht aus den Gesetzen der Realisierung des gesellschaftlichen Produkts (und des Mehrwerts im besonderen), sondern dadurch, daß der Kapitalismus nur als Resultat einer weitentwickelten Warenzirkulation auftritt, die die Grenzen des Staates überschreiten.“ Der Absatz des Produkts auf dem äußeren Markt erklärt nichts, „sondern fordert selbst der Erklärung, d.h. das Auffinden seines Äquivalents.“ … „Wenn man von den 'Schwierigkeiten' der Realisierung spricht,“ sagt Lenin, „dann muß man auch erkennen, daß diese 'Schwierigkeiten' nicht nur möglich, sondern auch unvermeidlich sind, und zwar hinsichtlich aller Teile des kapitalistischen Produkts, und nicht des Mehrwerts allein. Die Schwierigkeiten dieser Art, die von der unproportionellen Verteilung der verschiedenen Zweige der Produktion herrührten, entstehen ständig nicht nur bei der Realisierung des Mehrwerts, sondern auch bei der Realisierung des variablen und konstanten Kapitals; nicht nur bei der Realisierung des Produkts in Gestalt von Konsumtionsgütern, sondern auch in Gestalt von Produktionsmitteln.“

„Wie bekannt“, schreibt Lenin, („Zur Charakteristik des ökonomischen Romantizismus“) „besteht das Gesetz der kapitalistischen Produktion darin, daß das konstante Kapital rascher wächst als das variable, d.h. ein immer größerer Teil sich neubildenden Kapitals wendet sich der Abteilung der gesellschaftlichen Produktion zu, die Produktionsmittel herstellt. Folglich muß diese Abteilung unbedingt rascher wachsen als diejenige, die Konsumtionsmittel herstellt. Folglich nehmen die Konsumtionsmittel in der Gesamtmasse der kapitalistischen Produktion immer weniger und weniger Raum ein. Und das entspricht vollkommen der geschichtlichen Mission des Kapitalismus und seiner spezifischen sozialen Struktur: die erste besteht nämlich in der Entwicklung der Produktivkräfte der Gesellschaft; die letztere schließt die Utilisierung derselben durch die Masse der Bevölkerung aus.“ Nichts ist für Lenin „sinnloser, als aus diesem Widerspruch zwischen Produktion und Konsumtion abzuleiten, daß Marx die Möglichkeiten, den Mehrwert in der kapitalistischen Gesellschaft zu realisieren, bestritten, die Krisen durch ungenügenden Konsum erklärt hätte.“ Er sagt in seinem Buch über die Entwicklung des russischen Kapitalismus an anderer Stelle: „Die verschiedenen Zweige der Industrie, die einander als „Markt“ dienen, entwickeln sich ungleichmäßig, überholen einander, und die entwickeltere Industrie sucht einen äußeren Markt. Dies bedeutet keineswegs die Unmöglichkeit, für die kapitalistische Nation, den Mehrwert zu realisieren … Dies weist nur auf die Unproportionalität in der Entwicklung der einzelnen Industrien hin. Bei einer anderen Verteilung des nationalen Kapitals könne die gleiche Produktenmenge im Inneren des Landes realisiert werden.“

Für Lenin hat Marx mit seinem Reproduktionsschema „den Prozeß der Realisierung des Produkts im allgemeinen und des Mehrwerts im besonderen vollständig aufgeklärt und die völlige Unrichtigkeit der Hereinziehung des äußeren Marktes in die Realisierungsfrage aufgedeckt.“ Die Krisenhaftigkeit des Kapitalismus und dessen Expansionstendenzen erklären sich für Lenin durch die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung der einzelnen Industriezweige. Aus dem Monopolcharakter des Kapitalismus leitet er in seinem Buch über den Imperialismus die beständige koloniale Ausdehnung und die imperialistische Aufteilung der Welt ab. Durch den Kapitalexport und die Beherrschung der Rohstoffgebiete verschafft sich die Bourgeoisie der herrschenden kapitalistischen Länder riesige Extraprofite. Die imperialistische Expansion diene nicht so sehr der Realisierung des Mehrwerts, sondern der Steigerung der Profite.

Ohne Zweifel steht Lenins Auffassung der Marxschen näher als die Rosa Luxemburgs. Wohl hat letztere völlig richtig in der Marxschen Akkumulationstheorie das Zusammenbruchsgesetz des Kapitals erkannt; sie übersah jedoch die Marxsche Begründung dafür und produzierte ihre eigene Realisierungstheorie, die von Lenin mit Recht als unmarxistisch und falsch zurückgewiesen wurde. Es ist in diesem Zusammenhang jedoch interessant zu bemerken, daß Lenin in der seiner Marx-Biographie beigefügten Bibliographie auf die „Analyse der (Luxemburgischen) falschen Auslegung der Marxschen Theorie durch Otto Bauer“ in der „Neuen Zeit“ verwies. Bauers Kritik an Rosa Luxemburgs Akkumulationstheorie war von letzterer in ihrer Antikritik jedoch mit Recht als eine „Blamage für den derzeitigen offiziellen Marxismus“ bezeichnet worden; denn Bauer wiederholte in seinen Angriffen nur die revisionistische Auffassung, daß dem Kapital keine objektiven Schranken gezogen sind. In seiner Auffassung „ist der Kapitalismus auch ohne Expansion denkbar ..... Nicht an der mechanischen Unmöglichkeit, den Mehrwert zu realisieren,“ scheitert bei ihm der Kapitalismus, sondern „an der Empörung, zu der er die Volksmassen treibt.... Er wird gefällt werden, von der stets anschwellenden und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse.“

Bauer bemühte sich, mit einem von ihm modifizierten Reproduktionsschema, das viele der von Rosa Luxemburg beklagten Mängel der Marxschen Schemata nicht kannte, den Nachweis anzutreten, daß auch bei Annahme der wachsenden organischen Zusammensetzung des Kapitals ein reibungsloser Austausch zwischen den beiden Abteilungen im Schema der kapitalistischen Reproduktion möglich sei. Jedoch wies ihm Rosa Luxemburg nach, daß auch in seinem modifizierten Schema ein unabsetzbarer Rest in der Konsumtionsabteilung übrig bleibt, der, um realisiert zu werden, zur Eroberung neuer Märkte drängt. Darauf hatte Bauer nichts mehr zu sagen. Und trotzdem verwies Lenin auf ihn, als „den Ausleger der falschen Theorie Rosa Luxemburgs.“

Nicht nur, daß Bauers Argumentation Rosa Luxemburg überhaupt nicht traf, auch die von ihm, aus seinem Schema gezogenen Schlußfolgerungen der schrankenlosen Akkumulation, (unabhängig von der Frage des Austauschverhältnisses beider Abteilungen), konnten an diesem selben Schema als völlig falsch bewiesen werden. Henryk Grossmann wies nach, daß die Weiterführung des Bauerschen Schemas auf eine längere Periode hinaus, nicht die von Bauer abgeleitete reibungslose Entfaltung des Kapitalismus, sondern den Zusammenbruch der Kapitalverwertung ergab. Der Kampf gegen Rosa Luxemburgs Zusammenbruchstheorie hatte nur zu einer neuen Zusammenbruchstheorie geführt. (Henryk Grossmann: „Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems“).

Der Streit zwischen Luxemburg und Bauer, der Lenins Sympathien auf der Seite Bauers fand, war ein Streit um Nichts und es ist wiederum nicht uninteressant festzustellen, daß Lenin die Unsinnigkeit der ganzen Auseinandersetzung nicht bemerkte. Die Diskussion drehte sich um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines reibungslosen Austauschverhältnisses zwischen den beiden Abteilungen des Marxschen Reproduktionsschemas, von der die volle Realisierung des Mehrwerts abhing. Das Schema war im Marxschen System nur als Hilfsmittel der gedanklichen Analyse gedacht, dem keine objektive Existenz zuzuschreiben war. In seiner überzeugenden Rekonstruktion des Aufbauplanes des Marxschen „Kapital“, sowie in anderen Arbeiten, hat Henryk Grossmann die wirkliche Bedeutung des Reproduktionsschemas aufgezeigt und damit die Diskussion um die Marxsche Akkumulationstheorie auf einen neuen, fruchtbaren Boden gestellt. Der ganzen, auf auf diesem Schema basierende Luxemburgischen Marx-Kritik, lag die Zumessung einer objektiven Existenz des Reproduktionsschemas zugrunde, „aber“, betont Grossmann, „das Schema für sich allein beansprucht nicht, ein Abbild der konkreten kapitalistischen Wirklichkeit zu sein. Es ist nur ein Glied im Marxschen Annäherungsverfahren, das, zusammen mit anderen vereinfachenden Annahmen, die dem Schema zu Grunde liegen, und den nachträglichen Modifikationen im Sinne einer progressiven Konkretisierung ein unzertrennliches Ganzes bilden. Dabei verliert jeder dieser drei Teile für sich allein, ohne die beiden anderen, für die Erkenntnis der Wahrheit jeden Sinn, und kann nur ein vorläufiges Erkenntnisstadium, die erste Etappe im Annäherungsverfahren an die konkrete Wirklichkeit bedeuten.“

Das Marxsche Schema beschäftigt sich mit dem Austausch von Werten, aber in Wirklichkeit werden die Waren nicht zu ihren Werten, sondern zu Produktionspreisen ausgetauscht. „In einem auf Werten aufgebauten Schema“, führt Grossmann in seiner Arbeit über „Die Wert- und Preis-Transformation“ aus, „müssen in jeder Abteilung des Schemas verschiedene Profitraten entstehen. Es besteht aber in der Wirklichkeit die Tendenz der Ausgleichung der Profitraten zur Durchschnittsprofitrate, was schon im Begriff des Produktionspreises eingeschlossen ist. Will man so Kritik oder Bejahung der Möglichkeit der Realisierung des Mehrwerts auf das Schema basieren, so müßte es zu allererst in ein Preisschema verwandelt werden.“ Selbst wäre Rosa Luxemburg der Nachweis gelungen, daß im Marxschen Schema der restlose Absatz der Waren nicht möglich ist, daß mit jedem Jahre ein wachsender Überschuß an Konsumtionsmitteln entstehen muß, was hätte sie dann bewiesen: „Lediglich den Umstand, daß der 'unabsetzbare Rest' in der Konsumtionsabteilung innerhalb des Wertschemas entsteht, d.h. unter der Voraussetzung, daß die Waren zu ihren Werten ausgetauscht werden.“ Aber diese Voraussetzung besteht nicht für die Wirklichkeit. Das, der Luxemburgischen Analyse zugrunde liegende Wertschema, hat in den einzelnen Produktionszweigen verschiedene Profitraten, die nicht zur Durchschnittsprofitrate ausgeglichen werden, da ja im Schema von der Konkurrenz abgesehen wird. Was besagen dann die Schlußfolgerungen Luxemburgs für die Wirklichkeit, wenn sie von einem Schema abgeleitet werden, dem keine Wirklichkeitsgeltung zukommt? „Da infolge der Konkurrenz die Umwandlung der Werte in Produktionspreise und dadurch die Neuverteilung des Mehrwerts unter die einzelnen Industriezweige im Schema stattfindet, wodurch notwendigerweise auch eine Änderung der bisherigen Proportionalitätsverhältnisse der einzelnen Sphären des Schemas erfolgt, so ist es durchaus möglich und wahrscheinlich, daß ein 'Konsumtionsrest' im Wertschema nachher im Produktionsschema verschwindet und umgekehrt, ein ursprüngliches Gleichgewicht des Wertschemas sich nachher im Produktionsschema in eine Disproportionalität verwandelt.“ Die theoretische Verwirrung Rosa Luxemburgs illustriert sich am besten in der Tatsache, daß sie einerseits in der Durchschnittsprofitrate die leitende Macht sieht, „die tatsächlich jedes Privatkapital nur als Teil des gesellschaftlichen Gesamtkapitals behandelt, (in ihrer „Akkumulation des Kapitals“), ihm den Profit als einen ihm nach Größe zukommenden Teil des in der Gesellschaft herausgepreßten Gesamtmehrwerts ohne Rücksicht auf das von ihm tatsächlich erzielte Quantum zuweist“, und daß sie trotzdem die Frage prüft, ob ein restloser Austausch möglich ist; und das an einem Schema, das keine Durchschnittsprofitrate kennt. Berücksichtigt man den Durchschnittsprofit, so verliert das Disproportionalitätsargument Rosa Luxemburgs jeden Wert, da eine Abteilung über, die andere unter dem Wert verkauft und auf der Basis der Produktionspreise der unabsetzbare Mehrwertteil verschwinden kann.

Marx' Akkumulationsgesetz ist mit dem Fall der Profitrate identisch. Der Kompensation des Falles der Profitrate durch Wachstum der Profitmasse ist durch den dauernden Akkumulationszwang eine Grenze gesetzt. Nicht aus einem Zuviel des Mehrwerts, der sich nicht realisieren läßt, aus dem Mangel an Mehrwert geht bei Marx das Kapital zu Grunde. Rosa Luxemburg übersah die Folgen des Falles der Profitrate vollständig; aus welchem Grunde sie auch die vom Marxschen Standpunkt sinnlose Frage nach dem „Zweck“ der Akkumulation stellen mußte. „Man sagt“, schreibt sie in ihrer „Anti-Kritik“, „der Kapitalismus werde am Falle der Profitrate zugrunde gehen. ... Dieser Trost wird leider durch einen einzigen Satz von Marx in Dunst aufgelöst, nämlich durch den Hinweis, daß für große Kapitale der Fall der Profitrate durch Masse aufgewogen wird. Es hat also mit dem Untergang des Kapitalismus am Fall der Profitrate noch gute Wege, so etwa bis zum Erlöschen der Sonne.“ Sie übersah, daß diese wohl von Marx dargestellte Tatsache gleichzeitig nach Marx ebenfalls ihre Grenzen hat, und daß aus dem Fall der Profitrate, der Fall der Profitmasse wird, ja, daß ersteres den zuerst relativen und dann absoluten Fall der aktuellen Profitmasse, gemessen an den Akkumulationsnotwendigkeiten des Kapitals ausdrückt.

Wohl hat Lenin „es begreiflich gefunden“, wie er es in seiner Marx-Biographie ausdrückt, „daß die Profitrate eine Tendenz zum Sinken hat“ und er wies darauf hin, „daß Marx diese Tendenz und eine Reihe der sie verhüllenden bzw. ihr entgegenwirkenden Umstände analysiert hätte“, aber die ganze Bedeutung dieses Gesetzes im Marxschen System war ihm ebenfalls nicht klar, was einerseits seine Akzeptierung der Bauerschen Erwiderung auf Rosa Luxemburg, andererseits  die Beschränkung seiner eigenen Krisenerklärung auf die disproportionelle Entwicklung der verschiedenen Industriezweige erklärt. Und zuletzt wohl auch seine widerspruchsvollen Auffassungen, die einmal an ein unabwendbares Ende des Kapitalismus glaubten, ein andermal betonten, daß es keine absolut ausweglosen Lagen für den Kapitalismus gäbe. In seinen Werken findet sich keine überzeugende ökonomische Begründung des Endes des Kapitalismus und doch zugleich die feste Überzeugung, daß das System unabwendbar seinem Untergang entgegengeht. Dies erklärt sich daraus, daß er wohl nicht mit Bauer und der Sozialdemokratie an die Möglichkeit der reformistischen Verwandlung des Kapitalismus zum Sozialismus glaubte, aber dennoch mit Bauer und der Sozialdemokratie annahm, daß die Umwälzung des Kapitalismus ausschließlich eine Frage der Entwicklung des revolutionären Bewußtseins sei, worunter beide nichts weiter verstanden, als daß die Revolution eine Frage der Organisation und ihrer Führung sei.

 

Zur Frage des Spontaneitätsmomentes und der Rolle der Organisation.

Wir sahen bisher, daß Rosa Luxemburg mit Recht betonte, daß für Marx das Akkumulationsgesetz zugleich das Zusammenbruchsgesetz des Kapitals war. Ihre Beweisführung war falsch, die Schlußfolgerung dennoch richtig. Wich sie von Marx in der Erklärung des Zusammenbruchsgesetzes vollständig ab, so erkannte sie doch die Existenz desselben. Lenins Argumente gegen die Luxemburgische Auffassung waren stichhaltig und, soweit wie sie gingen, mit Marx im Einklang, jedoch wich er der Frage, ob dem Kapital eine objektive Grenze gestellt sei, aus. Seine eigene Krisenlehre ist unzureichend und inkonsequent. Seine richtigere Theorie führte nicht zu wirklich revolutionären Schlußfolgerungen. Selbst Rosa Luxemburgs falsche Begründung blieb noch revolutionär. Denn darauf kommt es an: auf die Betonung und den Nachweis der Zusammenbruchsgesetzlichkeit des Kapitalismus.

Lenin, der Sozialdemokratie noch viel näher stehend als Rosa Luxemburg, sah den kapitalistischen Zusammenbruch mehr als einen bewußten politischen Akt, denn als ökonomische Notwendigkeit. Ob das nur begrifflich, in Wirklichkeit untrennbare ökonomische oder politische Moment in bezug auf die proletarische Revolution überwiegt, ist keine Frage der abstrakten Theorie, sondern der jeweiligen konkreten Situation, deren Analyse diese Frage zu beantworten hat. Lenin hatte vieles von den Hilferdingschen Spekulationen der Kapitalentwicklung, die nach letzterem zu einem sogenannten „Generalkartell“ tendierten, akzeptiert. Nicht nur, wie zuerst, von dem bürgerlichen Charakter der kommenden russischen Revolution ausgehend und sich so bewußt deren bürgerliche Erscheinungen und Notwendigkeiten anpassend, sondern später auch mit der Hilferndingschen Einstellung in bezug auf die kapitalistisch entwickelten Länder belastet, kam er zu seiner Überschätzung der „politischen Seite“ der proletarischen Revolution.

Es war nach Lenin falsch anzunehmen (und dies galt für die internationale Szene), daß wir uns im Zeitalter der reinen proletarischen Revolution befinden, ja, eine solche kann es nach Lenin niemals geben. Die wirkliche Revolution ist für ihn das dialektische Umschlagen der bürgerlichen in die proletarische Revolution. Die noch aktuell gebliebenen Forderungen der bürgerlichen Revolution können nur noch im Rahmen der proletarischen Revolution verwirklicht werden. Diese proletarische Revolution ist nur proletarisch in der Führung, sie umfaßt alle Unterdrückten, die zu Verbündeten des Proletariats werden müssen: die Bauern, der Mittelstand, die kolonialen Völker, unterdrückten Nationen, usw. Diese wirkliche Revolution findet im Zeitalter des Imperialismus statt, der, von der Monopolisierung der Wirtschaft entwickelt, für Lenin, ein „parasitärer“, ein „stagnierender“ Kapitalismus ist, „die letzte Stufe der kapitalistischen Entwicklung“, unmittelbar vor dem Ausbruch der sozialen Revolution. Der Imperialismus führt in Lenins Arbeit über ihn „knapp bis zur allseitigen Vergesellschaftung der Produktion, er schleppt sozusagen den Kapitalisten gegen dessen Wollen und Bewußtsein, in eine gesellschaftliche Ordnung, die einen Übergang bietet von der vollkommenen Freiheit der Konkurrenz zur völligen Vergesellschaftung.“

Der Monopolkapitalismus hat nach Lenin die Produktion bereits sozialisierungsreif gemacht; es kommt nur noch darauf an, die Kontrolle über die Wirtschaft aus den Händen der Kapitalisten in die des Staates zu legen und dann auch die Distribution nach sozialistischen Grundsätzen zu regeln. Die ganze Frage des Sozialismus ist eine Frage der Eroberung der politischen Macht für die Partei, die dann den Sozialismus für die Arbeiter verwirklichen würde. Es bestanden zwischen der Sozialdemokratie und Lenin keine Differenzen, soweit es um den sozialistischen Aufbau und dessen Organisationsprobleme ging. Es bestand nur ein Unterschied in der Frage, wie man zur Herrschaft über die Produktion kommen kann; auf parlamentarischem oder auf revolutionärem Wege. Jedoch der Besitz der politischen Macht, die Kontrolle über das komplette Monopol, waren in beider Auffassungen auch schon die Lösung des Problems der sozialistischen Wirtschaft. Deshalb scheut Lenin auch nicht vor dem Staatskapitalismus zurück, gegen dessen Gegner er auf dem XI. Parteitag der Bolschewiki sagt: „Der Staatskapitalismus ist jener Kapitalismus, den zu beschränken, dessen Grenzen festzustellen wir imstande sein werden; dieser Staatskapitalismus ist mit dem Staate verbunden, und der Staat das sind die Arbeiter, der vorgeschrittenste Teil der Arbeiter, die Avantgarde, das sind wir. Und es hängt schon von uns ab, wie dieser Staatskapitalismus sein wird.“[2] Hing bei Otto Bauer die proletarische Revolution allein von der Haltung der klassenbewußten, organisierten Arbeiterschaft ab, von ihrem politischen Willen, (was bei einem einzigen Blick auf die sozialdemokratischen Organisationen, die ihre Mitglieder völlig beherrschen, praktisch bedeutete, daß sie von Otto Bauer und Kumpanei abhing), so hängt hier bei Lenin das Schicksal des Staatskapitalismus von der Haltung der Partei ab, die wiederum von der der Bürokratie bestimmt ist, und die ganze Geschichte ist erneut die Geschichte des Edelmuts, der Selbstlosigkeit und der Tapferkeit einer Gruppe von Menschen, die von den alleredelsten in diesen Tugenden ausgebildet werden.

Aber mit dieser Einstellung Lenins zum Staatskapitalismus, der für ihn willensmäßig und nicht von ökonomischen Gesetzen bestimmt ist, trotzdem die ökonomischen Gesetze des Staatskapitalismus prinzipiell nicht andere als die des Monopolkapitalismus sind, war Lenin sich nur selbst treu geblieben, denn letzten Endes hing auch die Revolution für ihn von der Qualität der Partei und ihrer Führung ab. In Übereinstimmung mit Kautsky, für den das für die Revolution unerläßlich notwendige revolutionäre Bewußtsein (das für Kautsky Ideologie und sonst nichts war), nur von außen an die Arbeiterschaft herangetragen werden konnte, da die Arbeiter außerstande waren, es aus sich selbst heraus zu entwickeln, behauptete auch Lenin, daß die Arbeiterschaft außerstande ist, mehr als ein gewerkschaftliches-sozialreformistisches Bewußtsein zu entwickeln; daß jedoch das revolutionäre Bewußtsein von den Intellektuellen an die Arbeiter herangetragen würde. Seine Schrift „Was tun?“ dient nur dem Nachweis, daß die Arbeiter niemals ein politisches Bewußtsein in hinreichendem Maße entwickeln können was die Notwendigkeit der Partei und deren Führung durch die intellektuellen zu erklären hat. Damit hatte der Sozialismus erneut aufgehört, das „Werk der Arbeiterklasse“ zu sein, als das Marx es sah; der Sozialismus hing nun von der revolutionären Ideologie der Bourgeoisie ab, und ohne Zweifel folgt der religiöse „Marxist“ J. Meddleton Murry heute nur Kautskys und Lenins Spuren, wenn für ihn, wie er kürzlich in einem Buch sagte, „konsequenterweise der ganze Sozialismus wesentlich eine Bewegung bekehrter Bourgeois ist.“

Sicher steht Lenin auf marxistischem Boden, wenn er behauptet, daß die Arbeiterschaft außerstande ist, ein „politisches Bewußtsein“ zu entwickeln. In seiner Polemik gegen Arnold Ruge, der den Mangel an politischem Bewußtsein so sehr beklagte und diesen Mangel nicht begriff, da das vorhandene Elend doch ein solches hätte entwickeln müssen, sagte Marx in seinen Randglossen zu Ruges Artikel „Der König von Preußen und die Sozialreform“; daß es falsch sei, anzunehmen, daß soziales Elend politisches Verständnis mit sich bringt, vielmehr sei das Umgekehrte der Fall, der gesellschaftliche Wohlstand erzeuge ein politisches Bewußtsein, da letzteres eine geistige Qualität sei, die dem gegeben würde, dem es gut geht. Aber Lenin hat mit Marx nichts mehr zu tun, sondern sinkt zum bürgerlichen Revolutionär à la Ruge herab, wenn er sich eine proletarische Revolution ohne dieses Intellekt-Bewußtsein nicht vorstellen kann, wenn er die ganze Revolution zu einer Frage des bewußten Eingreifens der „Wissenden“, oder der Leninschen „Berufsrevolutionäre“ macht. Gegen diese „Ruge-Lenin“ sagte Marx: „Wo es politische Parteien gibt, findet jede den Grund eines jeden Übels darin, daß statt ihrer ihr Widerpart sich am Staatsruder befindet. Selbst die radikalen und revolutionären Politiker suchen den Grund des Übels nicht im Wesen des Staates, sondern in einer bestimmten Staatsform, an deren Stelle sie eine andere Staatsform setzen wollen.“ Ja, sagt er in glänzenden Ausführungen weiter, daß je mehr politisches Verständnis vorhanden ist, daß auch desto mehr das Proletariat sich in nutzlosen, irrationellen Kämpfen verschwendet, da das „politische Verständnis“ ihre viel richtigeren Klasseninstinkte verschleiert und sie blind gegen ihre wirklichen gesellschaftlichen Aufgaben macht. Wer, nach Marx, zu sehr auf die „politische Seele“ der Revolution hofft, der strebt nur einen Zustand an, der diesen „politischen Seelen“ entspricht, auf Kosten der Gesellschaft. Aber mehr als einen Wechsel der Herrschaft über die Produktionsmittel hatte Lenin auch nicht angestrebt, da ihm dies für den Sozialismus zu genügen schien. Deshalb auch seine Überbetonung des subjektiven, politischen Momentes, was ihm auch die Organisierung des Sozialismus zum politischen Akt werden ließ, während es wohl nach Marx ohne Revolution keinen Sozialismus gibt und diese Revolution der politische Akt des Proletariats ist, den das Proletariat jedoch nur insoweit benötigt, als es zu zerstören hat. Wo es jedoch beginnt, den Sozialismus zu formen, wo seine „wahre Seele“ zum Vorschein kommt, da wirft es die politische Hülle ab.

Die bürgerlichen Elemente in Lenins Gedankenwelt, die zuerst das kapitalistische Ende von bestimmten, nicht notwendig vorhandenen politischen Voraussetzungen abhängig machen, die sich weiterhin einbildeten, daß die wachsende Monopolisierung mit der Vergesellschaftung der Produktion identisch sei, die den ganzen Sozialismus von der Übernahme der Monopole durch den Staat und die Ersetzung einer alten durch eine neue Bürokratie abhängig machten, und für die die Revolution zu einem Wettstreit der Revolutionäre mit der Bourgeoisie um die Gefolgschaft der Massen herabsinkt; eine solche Einstellung mußte das revolutionäre Element der spontanen Massenbewegungen und deren Gewalt und Zielsicherheit verkleinern, um die eigene Rolle, die des zur Ideologie erstarrten sozialistischen Bewußtseins, entsprechend übertreiben zu können.

Wohl kann Lenin das Element der Spontaneität nicht leugnen, aber es ist für ihn „im Grunde nichts anderes, als die Keimform des Bewußtseins“, die dann in der Organisation zur Blüte heranreift und erst dann wirklich revolutionär, weil vollständig bewußt, ist. Für den sozialistischen Sieg genügt nicht das spontane Erwachen der Massen, ja, dieses „spontane Erwachen der Massen macht die Organisation nicht weniger, sondern mehr notwendig.“ Der Fehler der Spontaneitätsauffassung besteht nach Lenin darin, „daß sie die Rolle des Bewußtseins verkleinert und sich gegen eine starke Führung ausspricht, aber diese Führung sei für den sozialistischen Sieg unerläßlich.“ Die Schwächen der Organisation und ihrer Führung sind ihm die Schwächen der Arbeiterbewegung schlechthin. Der Kampf muß organisiert, die Organisation geplant werden; alles hängt von ihr und der richtigen Führung ab. Sie muß Einfluß auf die Massen haben, dieser Einfluß zählt mehr als die Massen. Es ist ihm gleichgültig, wo und wie die Massen organisiert sind, nach Räten oder Gewerkschaften. Hauptsache ist, daß sie von den Bolschewiken geleitet werden.

Ganz anders als Lenin sieht Rosa Luxemburg diese Dinge. Sie verwechselt das revolutionäre Bewußtsein nicht mit dem Intellektuellen-Bewußtsein der Leninschen Berufsrevolutionäre, sondern es ist für sie das aus dem Zwange der Notwendigkeit erwachsende Tat-Bewußtsein der Massen selbst. Die Massen handeln für sie revolutionär, weil sie nicht anders handeln können und weil sie handeln müssen. Der Marxismus ist ihr nicht nur Ideologie, die sich in der Organisation kristallisiert, sondern das lebende kämpfende Proletariat, das den Marxismus aktualisiert, nicht weil es will, sondern weil es muß. Sind die Massen für Lenin nur das Material, mit dem bewußte Revolutionäre arbeiten, so wie dem Straßenbahnführer die Straßenbahn nur zum Fahren dient, so entspringen bei Rosa Luxemburg die bewußten Revolutionäre nicht nur aus der wachsenden Erkenntnis, sondern mehr noch aus der aktuell revolutionär handelnden Masse. Nicht nur, daß sie die Überbetonung der Rolle der Organisation und der Führung prinzipiell verwirft, sie beweist an der Erfahrung, daß, wie sie es in ihrer Broschüre über den „Massenstreik“ so ausgezeichnet aussprach, es während einer revolutionären Erhebung enorm schwer ist auszurechnen und zu kalkulieren, weiche Maßnahmen zu Explosionen führen und welche nicht. Kein bestimmendes Organ ist wirklich dazu imstande. Ein enges, mechanisch denkendes bürokratisches Gehirn mag außerstande sein, sich eine Aktion der Arbeiterschaft vorzustellen, die nicht ein Produkt der Organisation wäre, aber der Dialektiker, sagt Rosa Luxemburg, sieht, daß die Organisationen ein Produkt des Kampfes sind. An Hand der Beispiele der russischen Massenbewegungen von 1905 zeigt sie auf, daß die Erhebungen der Ausgebeuteten nicht von irgendwelchen vorherbestimmten Plänen abhingen, daß die Aktionen nicht im voraus organisiert waren und daß sie auch nicht von einer außenstehenden Gruppe kontrolliert werden konnten, da die Aufrufe der Parteien kaum mit der spontanen Bewegung der Massen Schritt halten konnten. Die Führer hatten nicht einmal Zeit, die Parolen herauszugeben oder sie überhaupt zu formulieren, die Massen waren schneller als jeder politische Wille. Und generalisierend sagt sie, daß auch in Deutschland aller Wahrscheinlichkeit nach nicht die bestorganisierten Arbeiter die größte revolutionäre Kapazität entwickeln werden, sondern die schlecht-organisierten, oder die völlig unorganisierten. „Revolutionen lassen sich nicht auf Kommando machen“, betont sie ausdrücklich. Dies ist gar nicht die Aufgabe der Partei. Pflicht ist es nur, jederzeit unerschrocken auszusprechen, was ist, d.h. den Massen klar und deutlich ihre Aufgaben im gegebenen geschichtlichen Moment vorzuhalten, und das politische Aktionsprogramm und die Losungen zu proklamieren, die sich aus der Situation ergeben. Die Sorge dafür, ob und wann die revolutionäre Massenbewegung sich daran knüpft, muß der Sozialismus getrost der Geschichte selbst überlassen.

Oft denunzierte man Rosa Luxemburgs Spontaneitätsauffassung, die man als „Katastrophenpolitik“ zu bezeichnen pflegte, als gegen die Organisation der Arbeiterbewegung selbst gerichtet. Sie fand es oft notwendig zu betonen, daß ihre Auffassung nicht „pour la désorganisation“ ist. „Die Sozialdemokraten“, schrieb sie, „sind die klare und klassenbewußte Vorhut des Proletariats Sie warten nicht mit verschränkten Armen fatalistisch auf die revolutionäre Situation, für das, was bei jeder spontanen Bewegung vom Himmel fällt. Ganz im Gegenteil, nun und immer müssen sie versuchen, die Entwicklung der Dinge zu beschleunigen helfen.“ Diese Rolle der Organisation hält sie für möglich und deshalb für willkommen und selbstverständlich, während Lenin sie für absolut notwendig hält und von der Erfüllung dieser Notwendigkeit die ganze Revolution abhängig macht. Dieser Unterschied über die Bedeutung der Organisation für die Revolution enthält auch zwei verschiedene Auffassungen über Form und Inhalt der Organisation selbst. „Das einzige Organisationsprinzip für unsere Bewegung“, schreibt Lenin in seinem „Was tun?“ ist die strengste Konspiration, strengste Auswahl der Mitglieder[3], Ausbildung von Berufsrevolutionären. Sobald diese Eigenschaften vorhanden sind, ist noch etwas mehr gesichert, als die „Demokratie“, nämlich, das volle kameradschaftliche Vertrauen unter den Revolutionären. Und dieses Mehr ist für uns unbedingt notwendig, denn bei uns … kann gar keine Rede davon sein, es durch die demokratische Kontrolle zu ersetzen. Es ist ein großer Fehler, zu glauben, daß die Unmöglichkeit einer wirklichen demokratischen Kontrolle die Mitglieder der revolutionären Organisation unkontrollierbar macht. Sie haben keine Zeit, an puppenhafte Formen der Demokratie zu denken, aber ihre Verantwortlichkeit empfinden sie sehr lebhaft.“[4]

Mit organisatorischen Mitteln, die, solange sie demokratisch waren, Lenin nichts bedeuteten, will er, sobald sie zentralistisch sind, dem Opportunismus zuleibe gehen. Je mehr der Opportunismus sich ausbreitet, desto zentralistischer muß man nach Lenin werden. Mit der straffsten Disziplin und der völligen Unterordnung aller Aktivität unter die Anordnungen des Zentral-Komitees will er die Organisation in eine wirkliche Waffe verwandeln Wohl verstand Rosa Luxemburg es ausgezeichnet, diesen „Nachtwächtergeist“ Lenins aus der besonderen Situation der russischen Intellektuellen abzuleiten, aber „es ist falsch“, schreibt sie gegen Lenin, „daß man die noch nicht gut funktionierende Majoritätsherrschaft der Arbeiter innerhalb ihrer Organisationen durch die absolute Herrschaft einer zentralen Autorität ersetzen will; wie es auch falsch ist anzunehmen, daß die fehlende Kontrolle der Arbeiter über die Handlungen und Unterlassungen der Parteiorgane wettgemacht werden könnte, durch die umgekehrte Sache, durch die Kontrolle eines Zentralkomitees über die Aktivität der Arbeiter.“ Und selbst sollte die Selbstführung der Arbeiter zu Fehlem und falschen Schritten führen, so ist Rosa Luxemburg doch bereit, dies mit in Kauf zu nehmen, da sie überzeugt ist, daß selbst „die Fehler, die von einer wirklich revolutionären Arbeiterbewegung gemacht werden, in historischer Perspektive unermeßlich wertvoller und fruchtbarer sind, als die Unfehlbarkeit des allerbesten Zentralkomitees.“

Die hier aufgezeigten Differenzen zwischen Luxemburg und Lenin sind zum Teil schon mehr oder weniger von der Geschichte überholt worden. Viele Dinge, die diesen Streit bewegten, bewegen uns heute nicht mehr. Aber das wesentlichste Moment in ihren Debatten, ob die Revolution abhängt von der organisierten Arbeiterbewegung oder der spontanen Bewegung der Arbeiter, ist von aktuellster Bedeutung. Aber auch hier hat die Geschichte bereits zugunsten Rosa Luxemburgs entschieden. Der Leninismus ist unter dem Trümmerhaufen der Dritten Internationale begraben. Eine neue Arbeiterbewegung, die weder die sozialdemokratischen Reste kennt, die noch in Lenin und Luxemburg zu erkennen waren, noch gewillt ist, auf die Lehren der Vergangenheit zu verzichten, ist im Entstehen. Sich von den tödlichen traditionellen Einflüssen der alten Arbeiterbewegung zu trennen, ist zu ihrer ersten Voraussetzung geworden, und hier hilft Rosa Luxemburg genau so sehr, wie der Leninismus gehindert hat. Diese neue Bewegung der Arbeiter, mit ihrem von ihr nicht zu lösenden Kern bewußter Revolutionäre kann mit der Luxemburgischen revolutionären Theorie, trotz ihrer vielen Schwächen, mehr anfangen und aus ihr mehr Hoffnung schöpfen, als aus der gesamten Leistung der Leninschen Internationale. Und wie einst Rosa Luxemburg inmitten des Weltkrieges und des Zusammenbruchs der Zweiten Internationale, so können auch die heutigen Revolutionäre beim Zusammenbruch der gesamten alten Arbeiterbewegung doch ebenfalls sagen: „Wir sind nicht verloren und wir werden siegen, wenn wir zu lernen nicht verlernt haben.“

 

Aus: Rätekorrespondenz, Heft 12, September 1935. Nachgedruckt in: Partei und Revolution, Karin Kramer Verlag, Berlin, o.J. (nach 1969)


 


[1] Organische Zusammensetzung des Kapitals = das Verhältnis zwischen dem in Produktionsmittel (konstantes Kapital) und dem in Löhnen (variables Kapital) investiertem Kapital. Ausdruck der wachsenden Produktivität der Arbeit im Kapitalismus ist das Wachsen der organischen Zusammensetzung des Kapitals, die schnellere Zunahme des konstanten gegenüber dem variablen Kapital.

[2] Es ist lustig, sich diese Stufenreihe anzusehen: … „der Staat, das sind die Arbeiter (erste Einschränkung), der vorgeschrittenste Teil (zweite Einschränkung), die Avantgarde (letzte Einschränkung), das sind wir; d.h., die Bolschewiken, die wiederum so abgestuft sind, daß Lenin zuletzt wie jener französische König zu sagen imstande wäre: „Der Staat - das bin ich!“

[3] Dieses „Prinzip“ wurde von Lenin und der 3. Internationale sehr bald fallen gelassen.

[4] Der Idealismus Lenins wird auch in dieser seiner Formulierung sichtbar. Anstatt die Kontrolle durch deren Organisierung innerhalb der Organisation wirklich und materiell zu sichern, ersetzt er sie durch „etwas besseres“, durch die Phrasen „kameradschaftliches Vertrauen“ und „Verantwortlichkeitsempfinden“. Praktisch hieß dies jedoch: Kadavergehorsam, Befehle von oben, Gehorchten unten.